Büroimmobilie bewerten: Darauf kommt es bei der Wertermittlung an

  • Spezifische Bewertung: Büroimmobilien erfordern eine andere Bewertungslogik als Wohnimmobilien – hier stehen Renditeerwartungen, Mietvertragssituation und moderne Arbeitsplatzanforderungen im Fokus.
  • Ertragswertverfahren dominiert: Bei der Bewertung von Büroimmobilien steht das Ertragswertverfahren im Mittelpunkt, da diese primär als Investitionsobjekte zur Erzielung von Mieteinnahmen dienen.
  • Digitale Transformation: Post-Corona haben sich die Anforderungen an Büroimmobilien stark gewandelt – flexible Arbeitsmodelle und technische Ausstattung beeinflussen den Wert erheblich.
  • Rechtssichere Gutachten: Nur hoch qualifizierte und akkreditiert zertifizierte  Sachverständige erstellen Verkehrswertgutachten für Büroimmobilien, die auch objektiv belastbar sind.
In diesem Artikel:

Die Bewertung von Büroimmobilien ist eine hochspezialisierte Disziplin, die weit über die klassische Wohnimmobilienbewertung hinausgeht. Während bei Eigenheimen emotionale Faktoren und Wohnqualität entscheidend sind, stehen bei Büroimmobilien knallharte wirtschaftliche Kennzahlen, Renditeerwartungen und die Zukunftsfähigkeit des Arbeitsplatzkonzepts im Vordergrund.

Was macht Büroimmobilien in der Bewertung besonders?

Büroimmobilien unterscheiden sich fundamental von anderen Immobilienklassen durch ihre primäre Funktion als Arbeitsplatz und Investitionsobjekt. Sie dienen der Erzielung von Mieteinnahmen und müssen den sich wandelnden Anforderungen der modernen Arbeitswelt gerecht werden.

Kernmerkmale von Büroimmobilien:

  • Gewerbliche Vermietung an Unternehmen verschiedener Größen
  • Flexible Grundrisse für unterschiedliche Nutzungskonzepte
  • Moderne technische Infrastruktur (IT, Klima, Sicherheit)
  • Repräsentative Gestaltung für Unternehmensimage
  • Langfristige Mietverträge mit gewerblichen Mietern
  • ESG-Konformität für nachhaltige und zukunftsfähige Bürokonzepte

Hinweis: Gemischt genutzte Immobilien mit Büro- und Wohnanteilen erfordern eine getrennte Bewertung der verschiedenen Nutzungseinheiten nach ImmoWertV, da für jeden Nutzungstyp unterschiedliche Marktmechanismen und Bewertungsverfahren zur Anwendung kommen.

Die entscheidenden Bewertungskriterien nach ImmoWertV

1. Mietvertragssituation als Wertfundament

Die bestehenden Mietverträge haben bei Büroimmobilien einen enormen Einfluss auf den Verkehrswert gemäß § 194 BauGB. Hier entscheidet sich, ob eine Immobilie als sicheres Investment oder als Spekulationsobjekt einzustufen ist.

Entscheidende Faktoren:

  • Vertragslaufzeiten: Langfristige Verträge (5-10 Jahre) schaffen nur bei entsprechenden Wertsicherungsklauseln und marktgerechten Konditionen tatsächlich Planungssicherheit und erhöhen somit den Wert
  • Mietpreisniveau: Über- oder untermarktliche Mieten beeinflussen die Ertragsprognose
  • Mietermix und -qualität: Ein ausgewogener Mix aus verschiedenen Branchen und Unternehmensgrößen reduziert Klumpenrisiken. Bei übergroßen Einzelmietern entstehen Abhängigkeiten und starke Verhandlungspositionen zugunsten der Mieter:innen
  • Kündigungsklauseln: Sonderkündigungsrechte können Risiken bergen
  • Mietanpassungsklauseln: Indexierte Mieten bieten Inflationsschutz

Praxisbeispiel: Die Bewertung hängt primär von der Lage, dem langfristig erzielbaren Mietniveau und dem anwendbaren Liegenschaftszinssatz ab. Ein einzelner Großmieter kann durchaus Vorteile bieten, birgt jedoch auch Klumpenrisiken: Konzerne mit Vollvermietung haben starke Verhandlungspositionen und können bei Auszug erhebliche Leerstände verursachen. Entscheidend ist die Balance zwischen Mietvertragssicherheit und Abhängigkeitsrisiken.

2. Lage und Standortfaktoren

Bei Büroimmobilien sind andere Standortkriterien relevant als bei Wohnimmobilien. Die Erreichbarkeit für Mitarbeiter:innen und Geschäftspartner:innen steht im Vordergrund.

Makrolage – die Stadt und Region:

  • Wirtschaftsstruktur und Arbeitsplatzentwicklung
  • Ansiedlung von Unternehmenszentralen
  • Universitäten und Forschungseinrichtungen
  • Politische Stabilität und Investitionsklima

Mikrolage – das direkte Umfeld:

  • ÖPNV-Anbindung und Erreichbarkeit
  • Parkmöglichkeiten für Mitarbeiter:innen und Besucher:innen
  • Gastronomie und Dienstleistungen in der Nähe
  • Repräsentativität der Adresse
  • Konkurrierende Bürostandorte

A-Lagen in Großstädten wie Düsseldorf, Köln oder Frankfurt erzielen absolut betrachtet oft 50-100% höhere Mieten als B-Lagen. Relativ gesehen bieten B- und C-Lagen jedoch häufig höhere Renditen, allerdings mit entsprechend erhöhtem Risiko. Der Bodenrichtwert spiegelt diese Lagequalität wider und beeinflusst maßgeblich den Gesamtwert der Immobilie.

3. Ausstattungsqualität und technische Infrastruktur

Die technische Ausstattung ist bei Büroimmobilien ein kritischer Wertfaktor, da moderne Unternehmen hohe Anforderungen an die Arbeitsplatzqualität stellen.

IT und Digitalisierung:

  • Hochleistungsbreitband und Glasfaseranschluss
  • Flexible Verkabelung für unterschiedliche Layouts
  • WLAN-Infrastruktur im gesamten Gebäude
  • Moderne Telefonanlage und Konferenztechnik

Klimatisierung und Energie:

  • Zentrale Klimaanlagen mit individueller Regelung
  • Energieeffiziente Beleuchtung (LED-Technik)
  • Nachhaltigkeit und Umweltzertifizierungen
  • Backup-Stromversorgung für kritische Bereiche

Sicherheit und Zugang:

  • Modernes Schließsystem mit Chipkarten oder biometrischen Systemen
  • Videoüberwachung und Alarmanlage
  • 24/7-Gebäudemanagement bei größeren Objekten
  • Brandschutz und Fluchtwegekonzepte

4. Flexibilität und Anpassungsfähigkeit

Die Corona-Pandemie hat die Bürowelt nachhaltig verändert. Flexible Arbeitsmodelle, Home-Office und hybride Konzepte beeinflussen die Nachfrage nach Büroflächen erheblich.

Flexible Grundrisse:

  • Teilbare Großraumbüros für unterschiedliche Mietergrößen
  • Modulare Trennwandsysteme
  • Variable Raumhöhen und Stützenraster
  • Möglichkeiten für Open-Space- und Einzelbürokonzepte

Moderne Arbeitsplatzkonzepte:

  • Co-Working-Bereiche und Gemeinschaftsflächen
  • Besprechungsräume mit moderner Konferenztechnik
  • Rückzugsräume und Kreativbereiche
  • Küchen- und Pausenbereiche

Büroimmobilien mit starren, nicht anpassbaren Grundrissen verlieren zunehmend an Attraktivität und damit an Wert.

Das Ertragswertverfahren bei Büroimmobilien

Bei der Bewertung von Büroimmobilien dominiert das Ertragswertverfahren gemäß ImmoWertV, da diese primär der Erzielung von Mieteinnahmen dienen.

Berechnung des Ertragswerts

1. Jahresrohertrag ermitteln:

  • Vertraglich vereinbarte Mieten aller Mieteinheiten
  • Zusätzliche Einnahmen (Parkplätze, Werbeflächen)
  • Marktübliche Mieten bei Leerstand

2. Bewirtschaftungskosten abziehen:

  • Verwaltungskosten (2-4% vom Rohertrag)
  • Instandhaltungsrücklage (8-15 Euro/m² jährlich)
  • Mietausfallrisiko (2-5% je nach Lage und Mieterstruktur)
  • Betriebskosten wie Versicherungen und Grundsteuer

3. Reinertrag kapitalisieren:

  • Anwendung des Liegenschaftszinssatzes
  • Bei Büroimmobilien meist 3,5-6,5% je nach Lage und Qualität

Die Restnutzungsdauer wird bei modernen Bürogebäuden in der Regel mit 60-80 Jahren angesetzt.

Besondere Herausforderungen bei der Bewertung

Leerstand und Vermietungsrisiken

Leerstehende Büroflächen können sowohl Risiko als auch Chance bedeuten. Einerseits verursachen sie laufende Kosten ohne Einnahmen, andererseits bieten sie die Möglichkeit für Mietsteigerungen oder umfassende Modernisierungsmaßnahmen.

Bewertungsansätze bei Leerstand:

  • Marktübliche Mieten ansetzen, aber realistische Vermarktungszeit berücksichtigen
  • Höhere Mietausfallrisiken einkalkulieren
  • Kosten für Modernisierung oder Anpassung einbeziehen
  • Potentiale für Mieterhöhungen nach Refurbishment bewerten

Technische Obsoleszenz

Büroimmobilien unterliegen einem schnellen technischen Wandel. Eine veraltete Ausstattung kann den Wert erheblich mindern.

Modernisierungsbedarfe berücksichtigen:

  • IT-Infrastruktur auf dem neuesten Stand
  • Energieeffizienz und Nachhaltigkeitsstandards
  • Barrierefreiheit und moderne Arbeitsplatzstandards

Wann ist eine professionelle Bewertung erforderlich?

Eine Immobilienbewertung durch einen zertifizierten Sachverständigen gemäß § 194 BauGB ist bei folgenden Anlässen unerlässlich:

Kauf und Verkauf:

  • Due-Diligence-Prüfungen bei Investor:innen
  • Preisfindung und Verhandlungsgrundlage
  • Steuerliche Bewertung für Abschreibungen

Finanzierung:

  • Beleihungswertermittlung für Bankkredite nach BelWertV
  • Refinanzierung bestehender Darlehen
  • Portfolio-Bewertungen für institutionelle Investor:innen

Rechtliche Anlässe:

  • Erbschafts- und Schenkungssteuer
  • Scheidungsverfahren und Vermögensauseinandersetzungen
  • Enteignungsverfahren und Rechtsstreitigkeiten

Aktuelle Markttrends und Auswirkungen auf die Bewertung

Post-Corona-Effekte

Die Pandemie hat die Bürowelt nachhaltig verändert und beeinflusst die Bewertung erheblich:

Flächenbedarfsrückgang:

  • Weniger Bürofläche pro Mitarbeiter:in durch Home-Office
  • Höhere Anforderungen an Flexibilität und Qualität
  • Fokus auf Gemeinschafts- und Kollaborationsflächen

Technische Anforderungen:

  • Bessere Belüftungsanlagen nach Corona
  • Kontaktlose Zugangssysteme
  • Videokonferenz-taugliche Besprechungsräume

ESG-Kriterien und Nachhaltigkeit

Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien (ESG) haben bei Büroimmobilien bereits messbare Auswirkungen auf die Bewertung. Seit der Einführung der EU-Offenlegungsverordnung (SFDR) sind ESG-konforme Immobilien für Artikel-8- und Artikel-9-Fonds unverzichtbar geworden, während Artikel-6-Produkte ohne ESG-Merkmale zunehmend an Bedeutung verlieren.

Umweltaspekte:

  • Energieeffizienz und CO₂-Bilanz
  • Nachhaltige Baumaterialien
  • Zertifizierungen (DGNB, BREEAM, LEED)

Soziale Faktoren:

  • Gesundheit und Wohlbefinden der Nutzer:innen
  • Barrierefreiheit und Inklusion
  • Integration in das städtische Umfeld

Hinweis: ESG-konforme Büroimmobilien erzielen bereits heute spürbare Bewertungsaufschläge und haben deutlich bessere Vermarktungschancen bei institutionellen Investor:innen.

Typische Fehler bei der Bewertung vermeiden

Häufige Bewertungsfehler:

  • Veraltete Vergleichswerte aus anderen Marktsegmenten verwenden
  • Mietvertragslaufzeiten und Kündigungsoptionen nicht ausreichend berücksichtigen
  • Modernisierungsbedarfe unterschätzen
  • Leerstandsrisiken zu optimistisch einschätzen
  • ESG-Kriterien ignorieren

Risiken für Eigentümer:

  • Überbewertung bei Verkaufsabsichten
  • Unterbewertung bei steuerlichen Zwecken
  • Fehlende Marktkenntnis bei Mietvertragsverhandlungen

Zusammenfassend: Komplexe Bewertung erfordert Expertise

Die Bewertung von Büroimmobilien ist eine hochspezialisierte Aufgabe, die weit über die reine Quadratmeterbetrachtung hinausgeht. Die Vielzahl der Einflussfaktoren – von der Mietvertragssituation über die technische Ausstattung bis hin zu modernen Arbeitsplatzanforderungen – macht eine fundierte Marktkenntnis und professionelle Wertermittlung nach § 194 BauGB unerlässlich.

Die wichtigsten Erfolgsfaktoren zusammengefasst:

  • Langfristige, hochwertige Mietverträge erhöhen die Planungssicherheit
  • Moderne technische Ausstattung ist ein Muss, keine Kür
  • Flexible Grundrisse sichern die Zukunftsfähigkeit
  • Top-Lagen kompensieren viele andere Schwächen
  • ESG-Kriterien werden immer wichtiger für die Vermarktung

Bei SCHIFFER Immobiliensachverständige GmbH verfügen unsere nach ISO/IEC 17024 zertifizierten und TEGoVA/REV-anerkannten Sachverständigen über umfassende Erfahrung in der Bewertung von Büroimmobilien aller Größenordnungen. Von kleineren Büroeinheiten bis zu großen Bürokomplexen erstellen wir gerichtsfeste Verkehrswertgutachten nach höchsten Qualitätsstandards.

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